Sonntag, 4. November 2012

Supersturm Sandy - Nüchterne Betrachtung

Hallo,

wieder einmal muss ich die Leserschaft um Entschuldigung für die lange Sendepause von 1.5 Wochen seit dem letzten Eintrag ersuchen, es gab viel (lach... ) zu tun und außerdem galt es auch wieder mal 20.000km nach Melbourne zu überwinden. Hier lässt es sich bei Höchstwerten von heute um 29°C ...



sowie Sonne en masse gut aushalten und wenn ich mir das aktuelle Webcambild von Wien ansehe ..


dann weiß ich ohne zu zögern, wo ich wettertechnisch momentan besser aufgehoben bin. Ein paar Sätze, bevor ich ins heutige Thema einsteige, möchte ich noch zum letzten Post vor etwa 10 Tagen verlieren, wo ich großspurig den Schneefall bis in Flachland am letzten Wochenende in Betracht gezogen habe.... dass die Variante des ECMWF schon 7 Tage vor dem Ereignis die letztendliche tauglichste war, zeigt folgendes Foto vom Montag in aller Früh aus dem Kern von Wien - Favoriten - , das mir freundlicherweise zugespielt wurde...


Wie den Medien zu entnehmen war, ist eine geschlossene Schneedecke in den tiefsten Winkeln dieses Landes eine Sache, derer man sich nur mit einer statistischen Wiederkehrdauer von 30-50 Jahren *erfreuen* darf... und es war der Effekt einer Hybridzyklogenese (arktische Kaltfront meets warmkerniges Mittelmeertief), die sich im großen Stil in der vergangenen Woche über der Ostküste der USA zugetragen hat, und tragischerweise, von der Karibik bis Kanada (mehr als) 150 Menschen in direkter oder indirekter Folge das Leben gekostet hat. Die Rede ist eim System Sandy, dem die Medien und viele Meteorologen den Titel 'Supersturm' umgehängt haben.


Wahrlich, ein Kerndruck in den Außertropen von 944 hPa, sowie Böen (an Land / bzw. an der Küste) jenseits der 140 km/h sind rein meteorologisch betrachtet imposant...

Noch einmal eine kurze Rückschau:


Hier Sandy als fast noch rein tropisches System, man beachte aber die Kaltfront an der Westperiferie des Zyklons..



und hier als Hybrid in voller Stärke, nach erfolgter Verschmelzung mit der Kaltfront unter Einbeziehung der polaren Kaltluft in die Zirkulation.


Der Mechanismus - Tropen interagieren mit den Außertropen bzw. den Polarregionen, ist nichts neues, dass Ex-Hurrikane mit der Polarfront in den Aussertropen verschmelzen, ist ein Prozess, den wir seit vielen Jahren, mindestens seit dem es systematische Wetterbeobachtungen gibt, kennen.


Ein kurzes Wort darüber, warum so etwas die Zyklogenese an einem tropischen Sturm, der an sich über dem kälter werdenden Wasser zum Sterben verurteilt ist, nochmals kräftig anheizt:

Der Tropensturm bezieht seine Energie aus der Umwandlung von Latenter Wärme (Wasserdampf) in kinetische, also Dampf zu Wind. Dazu braucht er viel Dampf, also warmes Wasser und besteht als riesige Kondensationsmaschine aus einer Blase feucht-warmer Luft, durch und durch.

Das Außertropische Tief tickt anders und wandelt als Meerwasserunabhängiges Objekt Energie der Lage (potentielle Energie) in kinetische Energie um. Das ist komplexer, und determiniert einen der Gründe, warum es wirklich sinnvoll ist, Meteorologie zu studieren.  Mit einiger mathematischer Umwandlung kann man diesen Mechnismus folgendermaßen formulieren. Das außertropische Tief entwickelt sich in einer Zone starker Temperaturkontraste, gleicht diese Kontraste im Lauf seines Lebens aus und führt den so erhaltenen Überschuß als Wind ab. Es braucht (im Prinzip) gar keinen Wasserdampf, es zeigt sich aber, dass das Ganze unter Einbeziehung von Kondensation um einiges schneller und intensiver geht.

In dem Moment, als die Kaltfront Sandy traf, hatte der Sturm an sich keine Chance mehr, sich zu vertiefen, da das Wasser, über das der Sturm zug, kälter und kälter wurde. Aus der Perspektive des Außertropischen Systems, das auf Sandy zusteuerte, war die Sache aber *höchst attraktive*, denn zwischen der tropisch-warm-feuchten Kernmasse des Sturms und der der heranströmenden polaren Kaltfront bestanden mit einem Mal potentizierte energetische Differenzen, die sofort zum Einsetzen von massiver Querzirkulation und damit rascher (Hybrid)zyklogenese führten.

Wir sehen diesen Prozess mehrmals im Jahr, über beinahe allen Weltmeeren, ein ganz alter Hut, und es gab durchaus so einige Fälle, in denen die Hybridzyklogenese noch heftiger als bei Sandy war. Der Unterschied, und hier kommt nun der Faktor Mensch hinzu, liegt daran, dass die allermeisten dieser Hybride keinen Kurs auf die Küste einschlugen, im Gegenteil, aoft direkt auf den offenen Atlantik hinaus ziehen.. (oft auch Fischstürme genannt..)... Sandy aber schon, und über das (menschlich verheerende) Resultat kann man in den Nachrichten zuhauf lesen.

Wie gesagt, der Sandy-Prozess steckt, auf Europa bezogen, hinter vielen intensiven Mittelmeer- und Schwarzmeerzyklonen oder auch hinter derer Abwandlung, dem 'Medikan':



 
 
Es ist schon einige Jahre her, und daher haben viele Europäer vielleicht schon ein bisschen vergessen, dass solche, Sandy-ähnliche und auch noch stärkere *Bomben* (der Ausdruck *Bombogenesis* wurde von amerikanischen Meteorologen mit militärischem Hintergund vor Jahrzehnten geprägt) eigentlich zum normalen Kontinentaleuropäischen Winterklimat gehören..

z.B. hier ein Orkan nahe Island..



.. Vivian, Wiebke, Kyrill, Paula, Emma und wie sie nicht alle hießen, und ohne Hellseher zu sein, nur weil wir in den letzten paar Wintern eher davon verschont blieben, sie werden wieder kommen.. (eine interessante Frage wird dann sein, wieviel in U.S amerikanischen Nachrichten davon zu lesen und zu sehen sein wird. Soviel wie bei uns über 'Sandy' aller Wahrscheinlichkeit und Erfahrung nach nicht..)

Um hier nicht zu viel Moralin zu verschütten, Ende ich vielleicht an dieser Stelle, mit dem Satz, dass solche Systeme unseren größtmöglichen Respekt und auch unsere hausverständliche Vorsicht verdienen, denn wenn der Orkan, wurscht wo zuschlägt, geht es oft genug um Leben oder Tod.

Gruß

Manfred









Montag, 22. Oktober 2012

Von nun an geht's bergab ...

Hallo,

die heutige ist Überschrift ist frei nach einem Klassiker von Hildegard Knef motiviert, mit dem man sich lohnenswerter Weise direkt über YouTube bilden kann...

Eine Woche ist seit der Ankündigung des SuperMegaThriller Föhns hier auf diesen Blogseiten vergangen, was ist daraus geworden ?

Zwar dürfte kein einziger Baum umgeworfen oder zu Schaden gekommen sein, gefallen sind andere Dinge, nämlich ein paar Allzeit-Oktoberrekorde der Temperatur im Alpenraum, siehe entsprechende Pressemitteilungen.

Ein Blick auf die Höchstwerte vom Freitag macht das klar:


28,7° in Sax/CH
28.1° in Bad Kohlgrub/DE
27,6° in Dalaas (nicht Dallas !!)/ VBG
27,1° in Reutte / TIR

.. damit hatte ich wohl nicht zuviel versprochen. Sensationell auch die Temperaturen auf den Bergen, in 1500m Höhe sank die Temperatur auch in der Nacht in der warmen Föhnluft kaum unter 20°... Beispiel die Rax:


Das Flachland ist nie in der Genuß dieser Luftmassen gekommen, das einzig Spannende war hier die Antwort auf die Frage wann/wie der Nebel einfällt und ob er auch wieder brav aufgeht..

Seitdem haben wir einen ganzen zarten Rückgang der Temperaturen hinnehmen müssen, nicht, weil so etwas wie eine Kaltfront durchgezogen ist, sondern einfach deswegen, weil der Import der warmen Luftmassen aus Nordafrika gestoppt wurde und die hier lagernden, warmen Luftmassen seit gestern dem Gesetz der negativen Strahlungsbilanz Ende Oktober, also der Allmählichen Auskühlung einer glühenden Herdplatte ohne Strom gleich, unterworfen sind.

Der Grund in 3 Bildern:




Die steuernde Atlantikzyklone, an deren Vorderseite die Warmluft wie auf einem Förderband nach Norden geschaufelt wird, ist ziemlich weit im Westen und noch dazu auf Südkurs, sodass das Förderband uns einfach nicht mehr erreicht...


..sondern sich mehr und mehr nach Frankreich oder noch weiter nach Westen verlagert. Über Zentraleuropa macht sich in Folge dieser retrograden Entwicklung (das ist eine, wo sich unsere steuernden Systeme nach Westen anstatt wie für gewöhnlich nach Osten verlagern) ein Hoch breit und in diesem Hoch geht die natürliche Abkühlung der Luft einfach aufgrund der mangelnden solaren Strahlung in dieser Jahreszeit in den nächsten Tagen weiter.

Das ist aber auch nicht alles, denn hoch im Norden holt der Polarbär schon tief Luft, um uns Richtung Ende der Woche einen ganz besonderen Huster zu bescheren, der mit dem ersten Schneefall/Schneeregen bis ins Flachland und in weiterer Folge flächendeckendem Bodenfrost enden könnte. Und all das nur weil sich das Tief im Westen zurückzieht. Die Abfolge in kommentierten Bildern der relativen Topografie, also der atmosphärischen Mitteltemperatur, sowie des Bodendrucks.

Wir beginnen nochmals mit dem Jetzt:


Tief im Westen, fast über dem Mittelatlantik, Hoch über Zentraleuropa.

Morgen zu Mittag:


Das Atlantiktief rutscht weiter nach Süden, sein Warmluftförderband gleitet weiter nach Westen und baut das Hochdruckgebiet nach Westen hin auf, worauf sich auch unser Hoch weiter nach Westen verlagert und etwas schief wird.

Mittwoch Mittag:


Österreich ist schon ziemlich am Rand des Keils (Höhenhoch), über dem Norden Skadinaviens wird es schon recht blau, hier erfolgt ein Trogvorstoß, angefüllt mit arktiscvhen Luftmassen und sie sind auch in Zeiten der Erderwärmung recht kalt...

Der Donnerstag:


Fast nichts ist mehr vom ehemaligen Hoch zu sehen, viel mehr springt nun eine durchgehende Rutschbahn von Nordwest nach Südost über Zentraleuropa hinweg ins Auge und auf der rutschen so einige Kaltfronten in unsere Richtung.

Freitag, der Tag der Fahne:


Die erste kräftige Kaltfront erreicht uns aus Nordwesten, die Schneefallgrenze sinkt dabei ins Hügelland...

Samstag (Tag der Alkoholfahne)


Im gewählten Modell verwellt die Front über Österreich, über Norditalien bildet sich ein schwaches Tief, man kann annehmen, dass hier nochmals Warmluft aus Süden über den Kaltluftkörper aufgleitet und Schneefall bis weit herunter verursacht...

Sonntag (letzter Tag des langen Wochenendes):


Die Welle zieht nach Osten ab und macht endgültig die Bahn frei für die Polarluft, die durchaus Dezember/Jännercharakter hat. Selbst am Neusiedlersee würde man nur noch and 3 bis 4 Fingern abzählbar viele Plusgrade erwarten ...

Soweit der Trend, der ziemlich sicher aus der Sicht einer beurteilug der Großwetterlage so kommen wird. Mit dieser Formulierung lässt man sich offen, ob der aus der retrograden Entwicklung des Tiefs über dem Atlantik resultierende Trogvorstoss aus Nordwesten bei uns, bei den Briten oder den Kollegen in der Ukraine runterkommt ;) Denn das wäre die typische Variationsbreite auf diese Frist.. mein Bauchgefühl sowie die Konstanz der Modelle über die letzten Tage sagen mir aber irgendwie, dass er ziemlich genau bei uns mit der kältesten Luft (Kernmasse) aufschlagen wird...

Letzte Chance für frostempfindliches Grünzeug, rein damit.

Lg

Manfred