Sonntag, 8. Juli 2012

Anatomie eines sterbenden CB's und fragwürdige Temperaturwerte

Hallo,

gestern hat mich meine Tour in den wilden, äußersten Osten der Republik geführt, und zwar in die Hundsheimer Berge, die ihrerseits die magische 500m Grenze in ihrer höchsten Erhebung, dem Hundsheimer Kogel, seinerseits sogar mit Gipfelhütte ausgestattet, nur um schlappe 20m verfehlen. Am dortigen Hochplateau habe ich folgenden Schnappschuss einer Gewitterzelle im Südwesten erstellt:


Auf dem Radar, exakt 17:00 LOkalzeit, stellte sich die Angelegenheit so dar:


Der Pfeil markiert meine Blicklinie. Zwar sieht die Zelle auf dem Radarbild noch sehr gesund aus, der Menschenverstand sagt aber bei Blick auf das Foto, dass die Zelle todgeweiht ist. Hier die Anatomie dessen was zu diesem Zeitpunkt in der Zelle geschieht:


Über einen noch zart angedeutete Inflow Tail kommt von Südosten schon in sehr flachem Winkel energiereiche Warmluft in das System, steigt auf, bildet Wolken, Niederschläge und ergießt sich in Divergenz, die ihresgleichen sucht, in einem riesigen Amboss auf 12km Höhe. Verdammt schmal ist der Aufwindbereich da schon, nahezu etlang der gesamten Basis fällt kräftiger Regen, niederschlagsgekühlte Luft schießt in allen Richtungen aus dem CB bodennah heraus und schickt auch gerade an, den letzten verbliebenen Zustrom an Warmluft vom Boden abzuheben, sich unter die Energieversorgung zu schieben, sie zu drosseln und 10 Minuten später komplett abzudrehen.

Tatsächlich war 20 Minuten später von der Zelle nicht mehr als ein Eisschirm übrig.

Teil 2: Auf dem Weg dort hin konnte ich es mir nicht verkeifen, an der Ö3 Wetterstation Bad Deutsch Altenburg vorbeizuschauen, die in den letzten Tagen mit Österreichhöchstwerten nicht gegeizt hat und sogar den Pokal für die bisher höchste Temperatur 2012 mit 38,3° hält.

Irgendwie ist es mir in den letzten 10 Tagen nie eingegangen, warum dort die höchsten Werte auftreten, und nicht in Andau. JETZT bin ich etwas klüger, und es gibt mir die Möglichkeit über Standards bei Temperaturmessungen zu filosofieren.

So sieht die Station, Status Samstag Nachmittag aus:




Sieht erstmal sehr schön aus, alles sauber, südwestexponierte Hanglage mit ebener Aufschüttung... *Ironiemodus aus*.

Hanglage ? Geht ja gar nicht.

Hier aus anderer Persepktive, man beachte die Position der Wetterhütte im Verhältnis zur Aufschüttböschung..



Die Aufschüttböschung ist recht kahl bzw. verdorrt, kein Wunder bei der Niederschlagssituation der letzten Wochen....

Was da passiert ist überspitzt gezeichnet folgendes:


Die Böschung hat am Nachmittag genau die Sonne im lokalen Zenit und heizt sich natürlich stärker auf als eine ebene, grasgrüne Fläche zum selben Zeitpunkt, wie es eigentlich Standard für die Aufstellung von Wetterstationen wäre.

Hier ein Foto mit den beteiligten Winkeln  (Schätzung).


Mittelschultrigonometrie sagt uns,  dass der Hang (übrigens eine Donau-Schotterterasse, geologisch höchst interessant !) an der Stelle der Station ein Gefälle von 20% nach Südwest aufweist. Damit erreicht das Relativbezugssystem des südwestorientierten Hanges einen Sonnenwinkel wie auf 37° Nord (das liegt irgendwo so wie Palermo), und im Vergleich zu 48°N (wo Bad Deutsch Altenburg liegt) auf einer Ebene rund 9% stärkere solare Einstrahlung pro Fläche, die zur Erwärmung genutzt werden kann. Segelflieger lieben diesen Effekt, der zur berühmten Hangthermik führt, aber bei Wetterstationen will man das i.d.R. nicht, weswegen man sie auf ebenen, grasbewachsenen Flächenaufstellt, um eben auch eine Vergleichbarkeit der Messung mit anderen Stationen zu haben.

Hier nun das letzte Bild des Gesamtensembles:


Rechne man zur Hangwirkung auch noch den Effekt der Aufschüttböschung unterhalb der Temperaturhütte und die Existenz eines 2m breiten asfaltierten Weges in unmittelbarer Nähe südöstlich der Station hinzu dann .... soll sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Die 38,3° wurden sicher gemessen, denn es gibt ja keinen Grund zur Annahme, dass technische Fehler der Sensoren vorliegen. Die Frage bleibt unter welchen Bedingungen sie gemessen wurden (das habe ich dargelegt) und in wie weit sie repräsentativ für die nahe Umgebung sind und in wie fern man den Wert mit anderen Stationen vergleichen darf( Höchstwertproblematik)

Die Messung ist sicher repräsentativ für einen Südwestorientierten Hang einer Donauschotterterasse mit spärlichem Grasbewüchs und dünnen Schwarzföhrenbeständen. Über die Temperaturen im unterhalb liegenden Kurpark (Ebene, Gras) sagt sie trotz einer Distanz von nur 100m nichts bzw. sehr bedingt irgendetwas aus.

Ist der Wert also wirklich das Maß der Dinge, wenn wir die Antwort auf die Frage haben möchten: Was war die höchste gemessene Temperatur in Österreich 2012 ? Wenn man uns sagt ja: das ist das Maß der Dinge, dann stell ich meine nächste Station neben einen von der Verwitterung natürlich schwarz gefärbten Sulfidhaltigen Südfelsen ..... Ich werde in Österreich lange suchen müssen, aber ich werde dann einen finden.

Ich für mich habe entschieden, die 38,3° aus meinem Gedächtnis zu streichen und halte mich fortan an Neusiedl am See bzw. was ausserhalb von Bad Deutsch Altenburg kommen möge. Auch in Neusiedl gibt es gewisse Hangprobleme, aber der Weg zur ganz perfekten Station ist so weit, sodass man auf gut österreichisch Kompromisse schließt, aber sicher keine faulen.

Gruß

Manfred

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Und P.S. weils in einem anderen Forum eine recht lebhafte Diskussion dazu gibt, ich bin die Werte niemandem neidig, sicher nicht, der Wald ist recht locker, dazu kühlt ein lockerer Schwarzföhrenbestand nicht wirklich, heute bei Nordwestwind, also Wind aus den Donauauen, ist die Station BDA wieder ganz vorne mit dabei... und 2 Grad wärmer als z.B Schwechat mit gleichem Geopotential... Föhn kanns ja da nicht sein ... wie gesagt, soll jeder selbst entscheiden, was er davon hält.

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Update 27.8: Ich habe auf mehrfachen Wunsch nun die Kommentare zu diesem Eintrag entfernt, um hier im Thread etwas zu *kühlen* und sprichwörtlich bis zum nächsten Sommer Gras über die Sache wachsen zu lassen. Ein Gesprächstermin im Oktober in BDA ist angepeilt, da werden wir Sachlage in Ruhe erörtern, ggf. gibts dann hier eine Update-Info. (Die Kommentare sind immer noch da, nur nicht sichtbar, wer direkt beteiligt war und sie haben möchte, einfach hier oder auf FB Bescheid geben..) Lg !

Kommentare:

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  6. Thomas Schreiner12. Juli 2012 um 13:09

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  8. Sehr ausführlich dargestellt und mein Argwohn, dass "Sensationsgier" (ähnlich dem, der Neujahrsbabys) dahintersteckt, ist bestätigt.

    Aufschlussreich wäre aber die Station in Dellach/Drau, wo wirklich enorme Unterschiede zur allgemeinen Situation gemessen werden.

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Da kenntat ja jeder kumman ...! Dennoch ... Hier ist Platz dafür :) !