Sonntag, 12. Dezember 2010

Modellinterpretation

Hallo,

für heute lass ich einmal zur Abwechslung das aktuelle Wettergeschehen links liegen und bewege mich auf die Meta-Ebene, mit ein paar Gedankensplittern zum täglich Brot des synoptischen Meteorologen.

Modelle sind in den letzten 35 bis 40 Jahren zur beinahe alleinseligmachenden Quelle für Wetterprognosen auf der Skala von 0 bis 10 Tagen im Voraus geworden. Zu Recht, denn nur sie ermöglichen es uns einen einigermaßen sinnvollen Ausblick auf der Verhalten der Atmosphäre in den nächsten Tagen zu geben.

Allerdings, und das bemerke ich mit Stirnrunzeln, bewirkt die Vielzahl der verschiedenen Modelle die auf immer kleinerer Skala und immer früher verfügbar sind eine Abkehr vom letzten Rest des verbliebenen Gespürs für die Materie, oder verleitet zumindest dazu.

Dabei geht nämlich das Wesentlichste verloren, nämlich das kritische Hinterfragen dessen, was ein Modell eigentlich ist, eine Simulation, und nicht die Wahrheit. Wenn dieser Schritt verloren geht, sind wir genau bei diesen Plastik-Wetterdiensten gelandet, über die ich mich meist im Stillen, manchmal auch etwas lauter aufrege. Das sind Prognosen, die einem strikten Eskalationsschema folgen: Modell A liefert um 10:15 folgende Prognose, das heißt der Vorhersagetext lautet so und so.

Dies wird umso schlimmer wenn aus persönlicher Präferenz heraus oder aufgrund einer Vorgabe nur das Modell A gibt. Dann ist der Fingerabdruck einer einzigen Simulation eines Gleichungskonglomerats nämlich bis zum Tag 7 1:1 in einem Text erkennbar.

Nebst der Tatsache, dass man für eine solche Tätigkeit nicht mehr zum Meteorologen ausgebildet werden muss, führt das natürlich zur Entwicklung eines Tunnelblicks, zu dessen linker oder rechter Seite alles wurscht ist.

Dabei tut sich gerade in der Modellentwicklung in diesen Zeiten sehr viel, es gibt Neuentwicklungen, andere, verbesserte Schemata etc pp, sodass jemand, der nur *seinem* Modell treu bleibt, von Kollegen, die über den Tellerrand hinauszuschauen in der Lage und dazu bereit sind, alsbald links und rechts überholt wird.

Natürlich ist beim experimentellen Vorgehen die Gefahr, dass man einmal etwas gehörig in den Sand setzt, ungleich höher, allerdings auch nur anfangs, denn in meiner Vorstellung lernt der gute Synoptiker das allermeiste in der Praxis aus seinen Fehlern, während beim sturen Vorgehen einfach das Modell schuld war und immer bleiben wird.

Solange es den Beruf des synoptisch tätigen Meteorologen noch gibt, und wenn man sich die Performanz der Modelle so ansieht, wird es diesen noch einige Zeit in dieser Form geben, ist für mich die sinnvollste Vorgangsweise die klassische top-down Methode.

Selbst um einen Prognose für Blunzenkirchen and der Wugl gefragt beginnt man mit Modellausschnitten, die Europa und den Nordatlantik umfassen mit der Interpretation der Großwetterlage und der Charakterisierung eines Musters, unter dem Blunzenkirchen leiden wird. Lokalmodelle und da insbesondere der Modellniederschlag sind die letzten Felder, die betrachtet werden sollten, um der Vorhersage den letzten Schliff zu geben.

Ob ich mit meinen vielleicht zu idealistischen Ansichten recht alleine dastehe, weiß ich nicht, alles andere wäre mir jedenfalls zu langweilig und unbefriedigend.


Lg

Manfred

Kommentare:

  1. Hallo Manfred,

    ich hoffe, Du bleibst Deiner Linie treu, denn gerade weil sie sich wie von Dir beschrieben vom Mainestream unterscheidet, finde ich sie besonders gut und interessant.
    Es ist ja schon irgendwie auch unterhaltsam, wenn manche beim Anblick des jeweils aktuellen Laufes sich zu Aussagen aufschwingen wie: so wird es kommen (und natürlich nicht anders).
    Eine echte Unsitte, die nur mehr dazu dient, Emotionen zu bedienen.

    Servus, Michaela

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  2. In der Synoptikvorlesung bei Georg Mayr wurde dieses Prinzip "forecast funnel" genannt, soweit ich weiß, stammt es aus Reading (könnte auch von Anders Persson, dem schwed. Meteorologen sein, bin mir nicht mehr sicher).

    @michaela, ja, das wz-forum dreht im winter wegen schnee und kälte durch, und im sommer wegen 5000 J/kg CAPE in 14-Tages-Rechnungen. mit der neustrukturierung im jänner wird sich aber hoffentlich vieles zum besseren wenden.

    Servus, Felix

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  3. Großartig geschrieben Manfred!

    Ich predige dies bei uns im Verein auch schon seit geraumer Zeit, man muss das Gesamtbild (konstellationstechnisch, synoptisch) zuerst einmal verstehen um wirklich mal auf Details achten zu können. (4km Karten zb.) Wenn man dann die Lage im Kopf hat, holt man sich eben letztes aus Detailkarten(aber in der Langfrist sowieso sinnlos)

    Also das hab ich in den letzten 2 Jahren schon sehr gut erkannt und du wirst es nicht glauben vor 2 Tagen hab ich ein selbiges Beispiel wie du mit "Blunzenkirchen" eben geschrieben hast einem Kollegen näher gebracht.

    Jedenfalls danke für dein Schreiben!

    LG, Hans-Jürgen

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