Dienstag, 11. Mai 2010

Gewitter: Showdown über Wien - Grenzen der Vorhersagbarkeit

Hallo,

gestern wars soweit, über dem südlichen, zentralen und östlichen Stadtteilen ging das erste nennenswerte Gewitter der Saison nieder. An der Station Unterlaa wurden binnen 60 Minuten an die 30 Liter Niederschlag registriert. Laut Radarsummen fielen die grössten Mengen aber im Bereich des Laaerbergs, zwischen Horrstadion und dem Hofer in der Gadnergasse :-D - hier könnten es an die 60 Liter gewesen sein.

Das ganze kam, wörtlich gesprochen aus dem Blauen.... die Zelle entstand direkt aus dem nichts über dem 23. und 10 Bezirk... siehe Loop:





Ob es wirklich um reinen Zufall ging, wollen wir jetzt klären. Man sieht ja am Anfang des Videos, wie eine sterbende gewitterzelle (die ehemalige Miss Krems) gerade noch so den Wienerwaldsporn erreicht. Das hat vielleicht entscheidende Bedeutung. Sehen wir uns die Windsituation über Wien um 13z, also etwa eine Stunde vor der Bildung der Zelle an.


Ganz deutlich sieht man im nördlichen Wien, Nordwinde, in Favoriten Ostwinde und im daran anschließenden Bereich des Wiener Beckens um Mödling und Gumpoldskirchen Südostwind. Im fraglichen Entstehungsbereich findet also systematische Windkonvergenz statt.


Eine Stunde später, also ca. 10 Minuten vor Bildung der Zelle hat sich die Konvergenz weiter verstärkt, zum Teil auch weil der Rest der toten Kremserin in Form einer kleinen Druckwelle über den Wienerwaldkamm gekrochen ist.



Eine Stunde später ist die Gewittertätigkeit über dem Süden Wiens in vollem Gange. Man sieht wie die Luft aus dem Gewitter nun nach Norden und Nordwesten ausfliesst. Dieses Ausfliessen triggert zum selben Zeitpunkt die Bildung einer Zelle über Meidling, Fünfhaus und Ottakring, die erst dem Ausfluss nach Norden folgend zieht, dann aber über die Innenstadt nach Osten schwenkt.


Eine Stunde später ist die grösste Aktivität bereits südöstlich von Wien, daher Ausfliessen aus Südosten.

Zusammenfassend:

- Ausreichend Labilität war da (siehe CAPE karte)


Über den südlichen Stadtteilen Liesing und Favoriten gab es über Stunden hinweg eine mesoskalige, beständige Windkonvergenz.
In Form der toten Kremserin und deren kleiner Druckwelle kam der Auslöser (Trigger)
Eine zweite Zelle über dem Westen Wiens bildet sich im Ausflussbereich der ersten
Dieses Verhalten war außer im Now-Nowcasting nicht vorhersagbar

Nicht nur in Wien, sondern auch in anderen Teilen Österreichs gab es zum Teil ordentliche Gewitter:





Die Zelle im östlichen Oberbayern hat hierbei stärkere Anwandlungen eines Bow-Echos, kurzzeitig auch die Anwandlung einer Superzelle (unsymmetrischer, scharfer Gradient)

Es wurden zahlreiche Blitze registriert:


Hagelwahrscheinlichkeit (für Körner über 2cm)  bestand im Wesentlichen aber nur in Bayern:


Vergleicht man nun die Verteilung der Wolkenblitze...


mit der der Bodenblitze


so kann man deutlich die wirklich starke Bayerin (viele Wolkenblitze) von den zwar kräftigen, aber doch harmloseren anderen Gewittern unterscheiden. Gerade bei der Wienerin gab es kaum Wolkenblitze.

Sieht man sich die Höhenströmungskarte an, so wird deutlich, warum in Bayern ein anderer Typ von gewittern aktiv war:

Während über Ostösterreich die Luft nahezu steht, gibt es über Bayern zumindest mässige Scherung.

Ich möchte damit nun leider allen widersprechen, die in irgendeiner Art und Weise ein superzellenartiges Auftreten im Osten Österreichs aus den Radar- und Blitzbildern allein abgeleitet haben. Wir hatten es sowohl bei der Kremserin (rechtsausscherende Einzelzelle, aber symmetrisch), als auch bei der Wienerin, Mulitizelle, Gesamtkomplex kaum ziehend den eindrucksvollen Erscheinungen zum Trotz nicht mit klassischen Schwergewittern zu tun, wohl aber mit schadträchtigen Ereignissen.

Lg

Manfred

Kommentare:

  1. http://www.skywarn.at/forum/viewtopic.php?f=8&t=4483

    Hier ein Bildbericht zum Gewitter, könnte eine Wall Cloud sein, bin mir aber nicht sicher.

    Gruß und danke für Deine lokalspezifischen Erläuterungen,
    Felix

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  2. Hallo,

    ich nehme an, dass auf den Fotos die zweite Zelle zu sehen ist die über die westlichen Bezirke nach Norden gewabert ist.... die erste sehen wir nur als Starkniederschlagsvorhang im linken Bildeck. Es kann durchaus eine Wallcloud sein, denn Wallclouds sind ja nicht an Mesozklonen gebunden sondern zeigen an, dass niederschlagsgekühlte Luft in den Aufwind gezwungen ist. Das kann ich mir aufgrund der Winddaten aber gut vorstellen, denn zum Zeitpunkt der Aufnahme hat Wien Innenstadt schon Südwind, und mit diesem kam die regengekühlte Luft schon über weiter Teile der Stadt .. Frage ist wie lange der Wolkenteil zu sehen war... lg Manfred

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  3. Also wenn man den Radarloop bei Sekunde 21 anhält sieht man zwei Niederschlagszentren, eines südöstlich der Stadt und eines relativ zentral über Wien, und genau diese "zentrale" Zelle war es auf die ich geblickt hab!

    Der Wolkenteil war laut Fotoinformationen rund 30 min zu sehen!

    lg Stefan

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  4. Hallo Stefan, ja diese Zelle meine ich ... ist für mich die zweite (die zwei gleichzeitigen Bildungen über Favoriten und Liesing hab ich als erste zusammengefasst). Ist für mich ein sehr interessanter Fall und kaum in die klassischen Schemen einzuordnen (Multizelle versus Wallcloud und vielleicht Rotation). Deine beobachtete Struktur haben ja auch andere im Skywarnforum mit Fotos festgehalten, aus anderen Blickwinkeln ... und 30 Minuten ist eine lange Zeitskala). Erst mal eine Vermutung, aber es können mehrere Faktoren eine Rolle zur Bildung dieser sehr langsamen aber doch langelebigen Zellen geführt haben.. Linksdrehung im vertikalen Windprofil, Ausfließen aus den ersten Zellen, orografische Umstände am Wienerwaldabhang. Man kennt das eher aus den Alpen, dass sich an Hängen auch Einzelzellen sehr lange halten können, wenn sie mit Hangunterstützung den Aufwind vom Niederschlag genügend lange trennen können. In deinen Bildern könnte man fast einen Inflowtrail aus Westen (über den Wienerwaldkamm) vermuten, während in die *Wallcloud* teilweise die Zellenluft aus Süden einbezogen wird. Diese kann nur geringfügig kühler gewesen sein, die Absenkung der Struktur ist nämlich recht klein, vielleicht 150 oder 200 meter ... passt wie gesagt in keines aller klassischen Schemen .. lg m.

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