Samstag, 1. Mai 2010

Fallstudie Schwergewitter 30.4.2010 Oberbayern Flachgau Innviertel

Hallo,

ich hab ja nicht schlecht gestaunt als ich heute um 06:45 Ortszeit vom Handy aus dem Schlaf gerissen wurde. Erst wollte ich den Anrufer im Geiste erwürgen. Inhalt des Telefonats war meine Einschätzung der Zellen über Oberösterreich. Nachdem ich klarstellte, dass es Samstag 06:45 ist, liess ich mich erweichen den PC einzuschalten und sah *ROT* (auf UWZ und Radarbildern. Der Anruf hatte sich also gelohnt..

Als ich im fernen Melbourne schon friedlich dahinsäuselte, bildeten sich zu Hause die erwarteten Gewitter. Um den Österreichbezug zu wahren, spreche ich von den für das föderal-republikanische Bundesgebiet relevanten Zellen. Los ging es mit der ersten relevanten Bildung, wie bei solchen Lagen typisch, über Oberbayern..

Das ist um 16:45, ca 10 Minuten nach der Bildung der Zelle ca 20km nördlich der Landesgrenze


Die Zelle mausert sich schnell


Neubildungen südlich der Zelle deuten sich an


Das ganze nimmt Linienform an


Squalline


Squalline mit einer kleinen, kurzlebigen Neubildung am Vorderrand


Mischform (assymetrischer Gradient, sehr stark am Südrand)


Ein Bow-Echo (Nierenform) formiert sich


Bow Echo


Bow Echo


Bow Echo


Bow Echo verschwindet, Neubildung am Südostrand


Mischform mit starkem Gradienten am Südrand


Beginnende Abschwächung

Warum diese speziellen Bezeichnungen ? Nun, ein bogenförmiges Echo bestehend aus sehr hohen Reflektivitäten spricht für lokal sehr sehr hohe Windgeschwindigkeiten und daher prinzipiell gefährlicher als ein nicht organsisiertes Echo mit den selben Reflektivitäten.

Die Mischform mit den assymmetrischen Gradienten )stark am Südrand, schwach am Nordrand spricht für superzellenartige Eigenschaften mit Anwandlungen mesoskaliger Rotation. Ebenso tritt in solchen Strukturen tendenziell eher Großhagel auf als in nicht derart organisierten Strukturen.


 

Hier eine Animation der Radarchos von 16 Uhr bis 2 Uhr Nachts:




Und hier der Blitzaktivität für den selben Zeitraum:







Insgesamt wurden 14820 Blitze im Ausschnitt registriert


Auch der Spatzierer'sche Hagelparameter zeigt die Spur der kräftigen Zelle(n).

Anhand der Spur bzw. der Blitze&Radar kann man ein weiteres Charakteristikum erkennen. So lange die Zellen stark sind, scheren sie nach rechts aus der Strömung aus (direkt nach Osten), wenn sie schwächer werden bzw. von Haus aus Pimperlzellen sind, ziehen sie mit der Höhenströmung mit (nach Nordosten). Man darf hier aber nicht glauben, dass sie physisch als ganzes ausscheren, es ist vielmehr so, dass sie am Südostzipfel stets anbauen und sich am Nordwestrand auflösen, es ist mehr ein nach Osten wälzen als ziehen. Das Phänomen ist durchaus nicht unbekannt und enstpricht bei dem Schwerungsprofil wie es gestern geherrscht hat, den Erwartungen. Die Amis haben aus dem Scherungsprofil einen Severe Storm motion Vector gemacht, der diesem Umstand Rechnung trägt.

Waren die Gewitter prognostizierbar ? Abgesehen davon dass ich gestern erwartet hätte, dass es schon etwas früher losgeht, hatten die Modelle die Lage erstaunlich gut im Griff.

Im GFS war gerade im 3-Ländereck Bayern Oberösterreich Salzburg hohe Labilität am späten Nachmittag prognostiziert worden.


Die Höhenströmung war relativ schwach, (20 knoten)


deswegen wurde die Bildung von Superzellen tendenziell unterdrückt, etwas Richtungs- und Geschwindigkeitsschwerung war aber da, sodass Mesoskalige Komplexe, Squall Lines und Bow Echos durchaus zu 'befürchten' waren.

Unser 4km ARW zeigte auch erstaunlich regional passend die Zugbahn der Gewitter im Niederschlag (Summe 24 Stunden):



Das waren mit Abstand die heftigsten Aprilgewitter seit Bestehen der Unwetterzentrale, also seit mehr als 5 Jahren. Normalerweise ist der April (wie der Oktober) ein ruhiger-Kugel Monat mit höchstens Kleinkram- und Glumpzellen, nicht so dieser April 2010....

Alles in allem aber ein kräftiges und gut prognostizierbares Event.

Lg

Manfred

(Der guten Ordnung halber: Alle Radarbilder sind C by Austrocontrol, alles andere C by UBIMET)

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